23 Juni 2001
 

Volkswagen Sharan (1995 - 2010)

Ein Vergnügen für Sieben

Autotest | Manche Autokäufer stellen fast unmögliche Anforderungen an ein neues Auto. Das Auto muß geschäftlich nutzbar und repräsentativ sein und zugleich genügend Platz bieten, um nicht nur vier, sondern sogar sechs Personen transportieren zu können. Das gleiche Auto muß, außerhalb der Dienstzeiten, praktisch und kinderfreundlich sein und sich für allerlei Familienausflüge und Hobbys eignen. Volkswagen empfand diese fast unlösbare Aufgabe als eine Herausforderung und nannte das Resultat "Sharan".
 
Volkswagen Sharan (1995 - 2010)

Ausschließlich Platz kreieren, kann jeder. Aber wenn die Anforderung heißt, daß das Auto geschäftlich und repräsentativ sein muß, reicht ein Kleintransporter mit zusätzlichen Fenstern nicht mehr aus. Deswegen hat Volkswagen den Sharan mit einer windschnittigen Nase, viel Glas und schönen Einzelscheinwerfer hinter hellem Glas entworfen. Trotz kräftigen Außenmaßen sieht das Auto modern und doch bescheiden aus. Um jede Assoziation mit einem Kleintransporter zu vermeiden, hat sich Volkswagen hinten für Scharniertüren, anstatt für Schiebetüren, entschieden. Das steht dem Auto wirklich sehr gut, aber in einer engen Garage, mit enthusiastisch aussteigenden Kindern, ist der erste Lackschaden vorprogrammiert und Schiebetüren wären doch wirklich praktischer gewesen.

Konferenz

Im Innenraum steht "groß" im Mittelpunkt. Die Windschutzscheibe ist etwas größer als das Schaufenster in einem großen Warenhaus, die Sonnenblenden übertreffen manche Skateboards und die Vordersitze bieten locker Platz für eine Nilpferdfamilie. Das Armaturenbrett läuft tief nach vorne durch, wo zentral ein großes Handschuhfach plaziert ist. Die großen Vordersitze sind in allen Richtungen verstellbar mit einem Extra: die Sitze können sich um die eigene Achse drehen. Das erfordert übrigens doch etwas Übung, weil abhängig von der Lenkrad- und der Rückenlehnenstellung, dreht sich der Fahrersitz gerade noch am Lenkrad vorbei. Wenn die Vordersitze mit den Rückenlehnen zur Frontscheibe gedreht sind, ist der erste Schritt getan, um aus dem Sharan einen mobilen Konferenzraum zu zaubern. Die erste Rücksitzbank hat drei Sitzplätze. Die zwei äußeren können herausgenommen werden, während der mittelste zum Tisch aufgeklappt werden kann. Volkswagen hat leider keinen "Abstellraum" für die Sitze vorgesehen, so daß diese leider zu Hause bleiben müssen. An den zwei Sitzplätzen der zweiten Rücksitzbank braucht man nichts zu ändern, so daß der fahrende Besprechungsraum für vier Personen fertig ist.

Diese geschäftliche Seite ist bloß ein Aspekt des Sharan. Als Freizeitauto muß der Sharan noch viel mehr Gestaltungsfreiheit anbieten: manchmal für den Transport von Fahrrädern, Surfboards oder Jet -Skis, dann wieder für die lieben Kinder mit ihren vielen Freunden und Freundinnen. Wenn alle Sitze eingebaut sind, bietet der Sharan Platz für sieben Personen. Zwei Sitze befinden sich vorne, drei auf der ersten Rücksitzbank und zwei auf der zweiten. Hier geht es um die vollwertigen Plätze, auf denen auch ein Erwachsener bequem sitzen kann. Hinter der zweiten Rücksitzbank findet man einen bescheidenen Kofferraum, in dem, bei etwas gutem Willen, ein großer Koffer oder ein paar Reisetaschen Platz finden könnten.

Volkswagen Sharan (1995 - 2010)

Alle Sitze können, ganz nach Wunsch, herausgenommen werden, z.B. um den Kofferraum zu vergrößern. Abhängig von der Position der geopferten Sitze, kann man sich entweder für einen breiten oder einen tiefen Kofferraum entscheiden. Das Aus- und Einbauen der Sitze erzeugt am Anfang ein echtes Ikea-Gefühl. Laut Anleitungsbuch muß eigentlich alles möglich sein. Das "Wie und Warum" ist am Anfang ein ziemlich großes Rätsel. Glücklicherweise ist die Prozedur einfach und der Sharan-Besitzer kann in einigen Minuten sein Auto von einem "7-Personen-Reisewagen" in eine "2-Personen-Transportmaschine" verwandeln. Dabei ist es wichtig, daß der Sharan in jeder Konfiguration einen soliden Eindruck macht. Volkswagen hat nie Zugeständnisse an die Sicherheit gemacht, so daß sich die Insassenen in jeder "Umbauform" des Sharan wohl fühlen.

Flugzeugträger

In den ersten Minuten der Probefahrt, hat man das Gefühl, auf der Brücke eines Flugzeugträgers zu stehen. Auch jetzt ist alles groß und der Fahrer sitzt hoch über dem restlichen Verkehr. Zum Glück läßt sich der Sharan einfach fahren. Durch zusätzliche Heckscheiben an den Ecken ist das Auto leicht zu überblicken und schmale Gassen sind kein Problem mehr.

Nur beim Parken muß man die Länge des Autos berücksichtigen. Der vorher erwähnte hohe Sitz ist nicht nur herrlich sondern auch entspannend. Der Fahrer schaut glatt über den restlichen Verkehr hinweg und kann damit besser reagieren und relaxter fahren.

Der Käufer kann sich entweder für einen Benzin- oder für einen Dieselmotor entscheiden. Da ein Auto in dieser Preiskategorie viel, und vor allem geschäftlich benutzt werden wird, wurde für den Test ein 1.9-Liter Turbodiesel gewählt. Das Verhältnis zwischen der bescheidenen Motorleistung und dem Umfang des Autos, scheint zuerst etwas verkehrt zu sein. Die 115 PS, die der Diesel erzeugt, sind jedoch ausreichend, um den Sharan flott in Bewegung zu bringen. 100km/h sind unwahrscheinlich langsam, 120 km/h – ein Wandertempo und alles darüber fängt an Spaß zu machen. Dank des 6.Ganges und des Tempomaten ist das Auto nicht nur leise und komfortabel, sondern auch sehr sparsam. Am Ende der Testperiode sollte der Durchschnittsverbrauch dieses "Mammuts" bei günstigen 5,5L/100 km sein.

Volkswagen Sharan (1995 - 2010)

Straßenlage

Volkswagen hat sich nicht nur um das Äußere, sondern auch um die Straßenlage gekümmert. Man hat alles getan, um jeden Vergleich mit einem Kleintransporter zu vermeiden. Obwohl sich der Sharan nicht wie ein durchschnittlicher PKW verhält, trifft der Vergleich mit einem Kleintransporter auch nicht zu. Der Sharan schaltet und bremst, wie ein guter PKW. Die Straßenlage ist, trotz des hohen Schwerpunktes, vorbildlich. Eine ganze Menge von Kurven und Autobahnkreuzen waren für den Sharan bei entsprechenden Geschwindigkeiten kein Problem, bei denen manche Sportcoupés schon anfangen zu schwitzen.

Das Ausstattungsniveau ist stark von der gewählten Ausführung abhängig. Das Testauto in der "Comfort line"-Ausführung ist vor allem für eine geschäftliche Nutzung bestimmt und ist deswegen mit: Kleiderbügeln hinter den Kopfstützen, Tempomat, elektrisch bedienbaren Fensterhebern (vorne und hinten) und allen gängigen Sicherheitsstandards in Form von 4 Airbags und ABS ausgestattet. Nur eine links und rechts getrennt regelbare Klimaanlage ist im Testauto optional.

Fazit

Volkswagen hat die Herausforderung, einen "Full Size MPV" zu gestalten, angenommen. Während der Testperiode wurde der Sharan in allen erdenklichen Punkten getestet. Das Auto hat viele Kilometer auf der Autobahn abgelegt, hat den Platz für inszenierte Konferenzen angeboten und durfte bis zu zweimal mit Büromöbeln umziehen. Jedesmal hat der Sharan die Herausforderung angenommen und die Prüfung bestanden. Die ausgezeichnete Straßenlage und der sehr gut arbeitende Dieselmotor machen das Fahren mit diesem Auto zu einem Vergnügen. Ein Vergnügen für Sieben!

plus
  • Fantastischer Dieselmotor
  • Ausgezeichnete Fahreigenschaften
  • Sehr geräumig, sehr funktionell
min
  • (sehr) hoher Kaufpreis
  • Keine Schiebetüren
  • Störende Reflexion des Handschuhfachs/Armaturenbretts