15 Februar 2011
Volkswagen Jetta

Volkswagen Jetta

Der Golf von Mexiko

Autotest | Welcher ist eigentlich der am besten verkaufte Volkswagen? Autokenner werden ohne Zögern antworten: der Golf. Doch wer dieselbe Frage in Amerika stellt, bekommt eine völlig andere Antwort: der Jetta. Während mancher Europäer gar nicht mehr weiß, dass der Jetta noch existiert, ist die mittelgroße Limousine in Amerika ein wahrer Verkaufshit. Jetzt führt Volkswagen den ganz neuen Jetta ein und erwartet, diesmal auch in Europa Erfolg zu haben. Zu Recht?
 

"Rucksackgolf", so wurde eine frühere Generation des Volkswagen Jetta spöttisch genannt. In den Augen der Amerikaner und Europäer ist der hier populäre Golf nur ein halbes Auto. Nach den Wünschen der Käufer hat Volkswagen einen Kofferraum an den Golf gebaut und ihn "Jetta" genannt, und der Verkaufshit war geboren.

Beim neuen Jetta macht es Volkswagen ganz anders. Diese sechste Generation basiert nicht auf dem Golf; statt dessen haben die Entwickler ganz neu angefangen. Der Vorteil dabei ist, dass sie mehr Freiheiten hatten. Der West-Europäer wird immer noch nicht begeistert sein von einer Limousine, doch der Jetta hat unbestreitbar eine stramme und moderne Linienformgebung.

Außerdem konnte die Limousinen-Formgebung durch den neuen Start optimiert werden. Eine erneute Bekanntschaft mit dem Jetta fängt man deswegen am besten hinten an. Der Radstand ist länger als beim Golf, das heißt, es gibt hinten mehr Beinraum. Wegen der langen Rückseite gibt es hinter dem Rücksitz mehr als genügend Platz für Gepäck (510 Liter).

Volkswagen Jetta

Ausrüstung

Der neue Jetta wird in Mexiko gebaut, nah an den Absatzmärkten. Die Exemplare für (West-)Europa unterscheiden sich stark von denen für Nord- und Süd-Amerika. Der amerikanische Kunde will so viele laufende Meter an Auto wie möglich für so wenig Geld wie möglich; Qualität ist dabei unwichtig. Sowohl die eingesetzten Materialien als auch die Technik sind einfach, damit der Preis niedrig bleibt.

Weil der europäischer Kunde hohe Ansprüche stellt, sind die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Jetta groß. Das fängt schon mit der Formgebung an, die eleganter und raffinierter ist. Das selbe gilt für das Interieur, das beim europäischen Jetta genau so makellos vollendet ist wie bei jedem anderen Volkswagen.

Volkswagen Jetta

Das Interieur des Testwagens ist mit cremefarbigen Materialien verkleidet. Die Ausstrahlung ist damit schicker als die des Golf, aber immer noch einfacher als die des Passat. Der größte Unterschied zum Passat besteht darin, dass dieser mit modernerer (Sicherheits-)Technik geliefert wird, die bislang noch nicht beim Jetta eingesetzt wurde. Der standardmäßig eingebaute Radio-/CD-Player hört sich gut an. Auch wenn der optionale USB-Anschluss ausgewählt wird, bleibt die iPod-Kompatibilität eine Option auf die Option.

Leistung und Verbrauch

Der amerikanische Kunde sieht die Umwelt immer noch als eine Fabel an, während der Verkaufserfolg eines Autos in Europa größtenteils von den Abgaswerten abhängt. Deswegen ist der europäische Jetta mit sauberen, sparsamen Motoren ausgestattet.

Volkswagen Jetta

So wird der neue Jetta mit einem 1.2 Liter Benzinmotor angeboten. Das scheint viel zu leicht für ein so großes Auto wie den Jetta, doch durch den Turbo bringt der "1.2 TSI" gute Leistungen (105 PS / 175 Nm). Der Motor ist jedoch nicht abhängig vom Turbo; auch bei niedriger Drehzahl ist die Kraftquelle stark und es kommt einem so vor, als ob ein viel größerer Motor unter der Motorhaube liegt.

Gerade weil der TSI-Motor bei einer unüblich niedrigen Drehzahl kräftig ist, versieht Volkswagen ihn standardmäßig mit einem Schaltindikator. Dieser zeigt welcher der ökonomischste Moment zum Hoch- oder Herunterschalten ist.

Volkswagen Jetta
Volkswagen Jetta

BlueMotion

Unter dem Namen "BlueMotion Technology" setzt Volkswagen eine Reihe von Techniken ein, um den Verbrauch weiter zu verringern. So wird während des Ausrollens oder Bremsens kinetische Energie in Elektrizität umgesetzt.

Wenn der Jetta zum Stehen kommt, wird der Motor automatisch abgeschaltet. Sobald das Kupplungspedal gedrückt wird, um in den ersten Gang zu schalten, startet der Motor wieder. Das geht so schnell, dass es nie störend wirkt. Dabei blinzeln die Scheinwerfer kurz, wodurch die anderen Verkehrsteilnehmer denken könnten, dass der Jetta-Fahrer Leuchtsignale gibt.

Alle Brennstoff sparenden Maßnahmen sind in der Praxis äußerst effektiv. Sogar auf einer sehr anspruchsvollen Teststrecke mit viel Stadtverkehr und Landstraßen war der Verbrauch genau gleich wie vom Hersteller vorgegeben: 5,3 Liter pro 100 km.

Volkswagen Jetta

Doch es geht noch sparsamer. Die selben Brennstoff sparenden Techniken sind auch mit einem 1.6 Liter Dieselmotor kombinierbar. Der "1.6 TDI" sorgt trotzdem für die selben guten Leistungen wie der Benzinmotor, bietet jedoch mehr Drehmomente (250 Nm). Wie unwahrscheinlich es sich auch anhört: Beim ruhigen Fahren bietet der kleine Benzinmotor mehr Ruhe und Souplesse als der Diesel. Der Dieselmotor bringt gute Leistungen bei einer höheren Drehzahl und liefert vor allem auf der Autobahn flotte Zwischenbeschleunigungen.

Der Dieselmotor ist in der Praxis noch sparsamer. Sogar auf einer Strecke mit hauptsächlich Stadtverkehr kam der Verbrauch im Test wieder auf 5,3 Liter pro 100 km. Daher ist davon auszugehen, dass auf längeren Strecken der versprochene Verbrauch von 4,2 Litern pro 100 km realisierbar ist.

Komfort

Unabhängig vom Motor ist der Jetta ein bemerkenswert komfortables Auto. Geräusche von Motor, Rädern oder Seitenwind hört man kaum.

Das Auto lenkt und schaltet sich leicht, aber nicht gefühllos. Der größere Radstand sorgt dafür, dass der Jetta mehr Ruhe bietet als zum Beispiel der Golf. Das Fahrgestell ist nachdrücklich auf Komfort abgestimmt (die Federung der hinteren Reifen unterscheidet sich von der amerikanischen Version). In schnellen kurzen Kurven hängt die Karosserie deswegen etwas über. Die Straßenlage ist gut, und das gibt schon schnell ein großes Gefühl des Vertrauens.

Volkswagen Jetta

Fazit

Wird der populärste Volkswagen von Amerika auch der populärste von Europa? Wahrscheinlich nicht. Doch dieser in Mexiko gebaute Jetta hat durch die vielen Anpassungen für den europäischen Markt doch mehr Chancen auf Erfolg als die vorherige Generation.

Trotz der konservativen Limousinenform sieht das Auto modern und elegant aus. So wie von Volkswagen erwartet werden darf, fühlt sich der Jetta solide und gediegen an. Die Fahrt mit dem Jetta ist keineswegs aufregend, objektiv gesehen sind die Fahreigenschaften jedoch sehr gut. Der Schwerpunkt liegt auf dem Komfort, das gilt sowohl für die Straßenlage als auch für die Ausrüstung. Die hier getesteten Motoren "1.2 TSI" und "1.6 TDI" sind beide leise, stark und außergewöhnlich sparsam.

Für den europäischen Markt bildet der neue Jetta eine gelungene Brücke zwischen dem Golf und dem Passat. Mehr als je zuvor wird der Jetta in Amerika sein, was der Golf für Europa ist.

plus
  • Komfortabel
  • Viel Raum, auch hinten
  • Starke, sparsame Motoren
min
  • IPod-Interface ist eine Option auf eine Option
  • Scheinwerfer blinzeln bei Wirkung Start-/Stopp-System

Alternativen

Seat ExeoSeat Exeo