10 Juli 2017
Honda Civic

Honda Civic

Eine Eins für die Zehnte

Autotest | Honda stellt die zehnte Generation des Civic vor. Im Laufe der Zeit hat der Civic sich deutlich weiterentwickelt, aber jedesmal hat der Hersteller einen anderen Ansatz benutzt. Außerdem war der kompakte Civic nicht überall auf der Welt das gleiche Auto, je nach Kontinent gab es Unterschiede. Mit der neuesten Generation, sagt Honda, habe man sich wieder gefunden. Verdient der zehnte Civic eine Eins?
 

Die zehnte Generation des Honda Civic wollte zwei Probleme lösen. Das Auto sollte auf der ganzen Welt gleich sein, um die (Produktions-)Kosten zu senken. Darüber hinaus wollte Honda zur Basis zurückkehren. Der Civic verdankt seinen Erfolg überlegener Technik, und auch der neue Civic will sich damit wieder vom bestehenden Angebot unterscheiden.

Um einen Civic zu produzieren, der auf der ganzen Welt willkommen ist, hat man sich vor allem in Europa umgeschaut. Europäische Autos werden nämlich überall geschätzt. Unter anderem in Japan ist der europäische Stil sogar erwünscht; deshalb werden auch die Civics für Japan in Europa gebaut. So ist auch ein Honda ein spannendes europäisches Import-Produkt geworden.

Honda Civic

Raum

Um die Fahreigenschaften auf ein höheres Niveau zu bringen, musste der Civic niedriger (niedrigerer Schwerpunkt) und breiter (Stabilität) werden als zuvor. Das aber hatte schwerwiegende Folgen. Um ein harmonisches Linienspiel zu erreichen und ausreichend Raum zu bieten, sollte das Auto viel länger werden. Der Civic ist um 10 Zentimeter länger als in diesem Segment üblich. Die Civic Limousine wird deshalb auch als Nachfolger des Accord gesehen.

Allerdings ist der Radstand nicht länger als im Durchschnitt. Um trotz des niedrigen Daches und innerhalb des begrenzten Radstandes noch genügend Platz zu bieten, hat Honda sich von den sogenannten 'Magic Seats' verabschiedet. Mit der Platzierung des Tanks unter den Vordersitzen wurde ein riesiger Raum im Heck geschaffen, laut Honda aber wurde dieser in der Praxis zu wenig genutzt.

Honda Civic

Nach dem Einsteigen fällt auf, dass der Sitz sehr tief ist. Außerdem 'liegen' die Passagiere mehr als sie sitzen, wie in einem Sportwagen. Der Rücksitzraum ist überdurchschnittlich gut. Darüber hinaus ist auch der Gepäckraum sehr groß (420 Liter) und leicht zugänglich. Sehr klug ist die sich seitwärts bewegende Gepäckraumabdeckung. Das spart Platz und Gewicht, weil die große Stange mit Aufrollmechanismus hinter dem Rücksitz dadurch überflüssig wird.

Fahreigenschaften

Honda im allgemeinen und der Civic insbesondere heben sich immer mit fortschrittlicher Technologie ab. Moderne Technik an sich ist allerdings kein Ziel; sie muss einen Zweck haben. Honda benutzt Technologie, um überlegene Fahreigenschaften zu erreichen. Es beginnt mit einem Chassis, das wie das eines Rennwagens, also mit Überrollkäfig, gebaut ist. Als Ergebnis ist der Civic straffer, und es ist nicht das Chassis, sondern die Radaufhängung, welche die Handhabung bestimmt.

Honda Civic

Die ebenso erweiterte Federung ist mit einer so genannten 'progressiven' Steuerung gekoppelt, bei der die Reaktion auf eine Lenkbewegung umso stärker wird, je weiter man einlenkt. Darüber hinaus verwendet der Civic die gleiche Steuerung wie der NSX, damit schneller auf Befehle des Fahrers reagiert werden kann.

Der Effekt dieser fortschrittlichen Technologie ist nicht sofort erkennbar. Wenn ruhig im Verkehr gefahren wird, lenkt sich der Civic nur vernachlässigbar besser als andere Autos. Der Civic erledigt Aufgaben nicht viel besser als andere Autos, hat aber nicht deren Probleme. Ein einfaches Beispiel hierfür ist die Tatsache, dass die Hände fast immer in der idealen 'zehn vor zwei'-Position bleiben und 'Umgreifen' nur noch selten notwendig ist.

Honda Civic

Etwas anderes, was nur auffällt, wenn man darauf achtet: Die Straßenlage ist tadellos gut. Selbst wenn das Auto mit zu hoher Geschwindigkeit und sehr ungeschickt in eine Kurve gelenkt wird, gibt das Chassis nicht nach und folgt einfach dem aktuellen Kurs. Untersteuern kann man nur mit nahezu selbstmörderischen Geschwindigkeiten erzwingen.

Honda Civic

Motoren

Der Civic bedient sich nicht nur aus Gründen einer überlegenen Fahreigenschaft einer erweiterten Technologie, auch die Motoren zeichnen sich durch neue Technologien aus. Eine Elektro- oder Hybrid-Version ist jedoch erst für 2020 geplant. Fortgeschrittene Technik dient daher nicht die Umwelt, sondern eher dem Fahrvergnügen.

Beispiele für die neue Technik sind ein elektrisches Thermostat und eine variable Ölpumpe, mit der ein kalter Motor so schnell wie möglich auf Temperatur gebracht wird. Einmal auf Betriebstemperatur wird, wegen Leistung und Verbrauch, unter einer ungewöhnlich hohen Kompression gearbeitet. Weil die Gefahr einer Überhitzung hierbei größer wird, ist der Auspuffkrümmer aktiv gekühlt, mit dem Ergebnis einer um 100 °C niedrigeren Temperatur. Besonders zu beachten ist, dass das Auslassventil für eine erhöhte Leistung und geringeren Verbrauch aktiv gekühlt wird.

Honda Civic

Wieder ist die Wirkung aller dieser Technologien nicht sofort erkennbar. Der 1,5-Liter-Motor enttäuscht sogar ein wenig: Die versprochene Leistung von 182 PS / 240 Nm ist zunächst kaum bemerkbar. Nur bei sehr niedrigen Drehzahlen zeigt sich der Motor flexibler als üblich, während der VTEC-Turbo-Motor bei hoher Geschwindigkeit einen zweiten Atem bekommt und noch besser zieht.

Es ist der 1,0-Liter-Dreizylinder-Motor, der wirklich reizt. Trotz des Versprechens einer zusätzlichen Schalldämmung ist dieser der lauteste Dreizylinder in seinem Segment; das ist aber auch der einzige Nachteil. Der kleinere 1,0-Liter-Motor ist viel lebhafter als die größeren, greift bei niedriger Geschwindigkeit sehr gut und wird dann geradezu eifrig.

Honda Civic

Automat

Honda bestand mit Nachdruck darauf, daß wir auch die Version mit Automatikgetriebe testen sollten, und es wurde bald klar, warum. Honda benutzt nämlich kein traditionelles automatisches, sondern ein stufenloses Getriebe (CVT).

Dabei weiß die Marke noch einmal mit all den Nachteilen abzurechnen, die ein CVT in der Regel hat. In der Stadt sorgt die Maschine für mehr Souplesse und Verfeinerung. Auf der Landstraße ist die Leistung ausgezeichnet, und das CVT reagiert aufmerksam, ohne die oft kläglichen Klänge zu produzieren, die sonst dazu gehören. Der 1,0-Liter mit CVT-Getriebe ist daher die feinste Kombination.

Fazit

Verdient die zehnte Generation des Honda Civic eine Eins? Die Antwort auf diese Frage kann man nur individuell geben. Honda hat sich bemüht, den Civic zum am besten fahrenden Auto in seinem Segment zu machen, und ein Test zeigt, dass dies dem Hersteller im Wesentlichen gelungen ist. Allerdings ist es der Fahrer, der bestimmt, ob das ein entscheidendes Argument ist.

Wer den Civic als Familienauto verwendet, wird nur wenig von den überlegenen Fahreigenschaften spüren. Dann zählen eher der überdurchschnittliche Raum, die durchdachte Ergonomie, die hohe Sicherheit und eine moderne Ausstattung sowie hoher Komfort. Die Motoren sind gut, aber eine Hybrid- oder Elektroversion fehlen. Als Familienauto bekommt der Civic eine gute Note, aber die Unterschiede zur Konkurrenz stecken nur in Details.

Auto-Liebhaber, die jeden Kilometer Party machen wollen, werden den Civic zu schätzen wissen. Wenn das Auto dazu ermutigt wird, zeigt sich der Civic als mehr als nur durchschnittlich, oder besser gesagt, bleiben die Nachteile anderer Autos aus. Damit ist der neue Civic dem ursprünglichen Konzept treu, wofür der zehnte Civic auf jeden Fall eine Eins verdient.

plus
  • Ausreichend Platz
  • Durchdachte Ergonomie
  • Ausgezeichnete Fahreigenschaften
min
  • Unpraktisch groß
  • Keine Hybrid- oder elektrische Version verfügbar

Alternativen

Opel AstraOpel Astra
Mazda 3Mazda 3