25 Juni 2010
Volvo S60

Volvo S60

Die Kunst der Verführung

Autotest | Erst zeigte Volvo einen sensationellen Prototyp. Sogar Nicht-Volvo-Fahrer waren beim Anblick dieser Schönheit sofort dazu bereit, die schwedische Marke zu fahren. Danach kamen die Gerüchte. Der neue S60 sollte der sportlichste und gleichzeitig der sicherste Volvo aller Zeiten werden. Jetzt ist es Zeit, das Auto objektiv zu testen. Erfüllt der neue Volvo S60 die hoch angesetzten Erwartungen?
 

Jede Verführung fängt mit dem Äußeren an. Die fließenden Linien eines Coupé und das kräftige Hinterteil eines Sportwagen stimmen mit dem überein, was Autoliebhaber bevorzugen.

Nur die Front weiß nicht zu überzeugen. Der etwas sparsame Blick ist weit vom eleganten, selbstbewussten Blick des ehemaligen Prototyps entfernt. Zum Glück ist die besondere goldgelbe Farbe ("Vibrant Copper") des Prototyps tatsächlich lieferbar; sie gibt dem S60 eine sportliche und schicke Ausstrahlung.

Interieur

Pure Schönheit kommt von innen. Das gilt mit Sicherheit auch für einen Volvo. Das Interieur deutscher Geschäftswagen ist in der Regel so stramm geformt, dass es fast steril wird. Der S60 strahlt neben Sachlichkeit auch Wärme aus. Dabei ist die Vollendungsqualität höher als vorher, womit der S60 eine noch bessere Alternative zur deutschen Konkurrenz ist. Leider sind die gewagten Materialien und Interieurfarben, mit welchen die kleineren Volvos ausgestattet waren, nicht mehr lieferbar; laut Hersteller hat der S60-Käufer daran keinen Bedarf.

Volvo S60

Ein anderes Volvo-Markenzeichen ist ein Audiosystem mit hoher Qualität. Doch für den S60 hat Volvo einen neuen Lieferanten für Lautsprecher und Elektronik gefunden. Die Benutzerfreundlichkeit der gesamten Elektronik (u.a. des Navigationssystems) ist dadurch sehr viel besser geworden. Der Ton des Radio/CD-Spielers wirkt aber weniger räumlich und detailreich. Das "Premium Audiosystem" ist noch immer sehr gut, gehört jedoch nicht mehr zur absoluten Spitze.

Sicherheit

Der wichtigste Punkt, in dem sich der Volvo S60 von anderen unterscheidet, ist Sicherheit. Der S60 ist natürlich mit allen Sicherheitssysteme ausgestattet, die auch bei anderen Modellen zu finden sind. Denken Sie dabei an einen Detektor für tote Winkel, Warnungen beim Wechseln der Fahrspur und automatischem Abstandshalter.

Ganz neu für den S60 ist "Pedestrian Detection" (Fußgänger-Erkennung). Damit ist das Auto im Stande, selbstständig für Fußgänger zu bremsen. Verschiedene andere Hersteller bieten zwar ebenfalls Systeme an, die mit dem Fahrer mitschauen, doch diese bremsen nur im Notfall. Das kommt daher, dass ein Hersteller ganz sicher sein muss, dass ein Bremseingriff gewünscht ist; ein Auto, das unnötig eine Notbremsung hinlegt, wird mehr Schaden anrichten als Gutes zu tun. Volvo installiert deshalb eine Kamera mit Bilderkennung und Radar.

Volvo S60

Daneben müssen einige Vorbedingungen erfüllt werden. Wenn die Stellung des Gaspedals einige Zeit nicht verändert wurde und nicht gebremst wird, schließt der Computer daraus, dass der Fahrer nicht aufmerksam ist. Nur dann wird eine Warnung gegeben, wenn sich ein Fußgänger im Bereich des Autos befindet. In dem Moment ertönt eine akustische Warnung, und es leuchtet eine rote Lampe gegen die Frontscheibe (und damit im Blickfeld des Fahrers) auf. Wenn der Fahrer dann noch nicht bremst, tritt der Computer selber auf die Bremse.

Ein Praxistest mit der "Pedestrian Detection" ist genau so beängstigend wie überzeugend. Da der Computer dem Fahrer alle Möglichkeiten läßt, selbst zu bremsen, bremst die Elektronik im allerletzten Moment. Der Fußgänger (in diesem Fall ein Dummy) steht dann unglaublich nah am Auto. Der Test macht klar: Wenn dieses System in der Praxis wirklich einmal benötigt wird, wird der Fahrer sein ganzes Leben lang dankbar für die "Pedestrian Detection" sein!

Diesel

Dass der S60 der bislang sicherste Volvo ist, ist klar. Aber wie ist es mit der versprochenen Sportlichkeit? Die kommt vor allem mit dem neuen Dieselmotor. Der "D3" ist nicht der Kräftigste im Programm, doch es ist der lebendigste. Dank des sehr kurzen ersten und zweiten Gangs ist der S60 D3 aus dem Stillstand heraus bemerkenswert flott. Bei höheren Geschwindigkeiten sorgt das große Drehmoment (400 Nm) für kräftige Zwischenbeschleunigungen.

Es ist wichtig, den Dieselmotor auf Touren zu halten. Im Gegensatz zu modernen Dieselmotoren anderer Hersteller fühlt sich der D3 bei sehr niedrigen Drehzahlen nicht so gut an (und kommt dann nur mühsam wieder auf Geschwindigkeit). Die Verführung ist groß, mit dem S60 D3 schnell zu fahren.

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Wer der Verführung nachgibt, verbraucht in der Praxis 9 Liter Diesel pro 100 Kilometer. Mit einem ruhigen Fahrstil verbraucht der S60 D3 etwa 6,3 Liter pro 100 km. Bis jetzt ist der S60 leider nicht mit einem Stopp-Start-System oder sogar einem Schaltindikator zu haben.

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D5

Zum Vergleich sind wir auch mit dem kräftigsten Dieselmotor gefahren, dem "D5". Dieser ist unbestritten stärker und erzeugt ein gewaltiges Gefühl. Der D5 ist aber weniger begierig und deswegen nicht unbedingt sportlicher. Im täglichen Verkehr ist das größere Geschwindigkeitsprofil außerdem kaum brauchbar; das kommt nur auf der deutschen Autobahn gut.

Benzin

Der 2.0T Benzinmotor ist auf dem Papier viel schneller als der D3, fühlt sich aber nicht so an. Namentlich das niedrige Drehmoment (300 Nm) sorgt für weniger "Tatkraft" auf der Autobahn. Der 2.0 Liter Turbomotor ist allerdings die leiseste Kraftquelle. Während die Dieselmotoren leicht im Hintergrund hörbar sind, macht der 2.0T seine Arbeit so gut wie geräuschlos. Ungeachtet der gewählten Ausführung sind die Geräusche von Reifen und Seitenwind immer minimal.

Volvo S60

Straßenlage

Der letzte Trumpf, den dieser Verführer noch hat, ist die Straßenlage. Bezogen auf die Technik basiert der S60 auf dem größeren S80. Die Plattform ist ein wenig gekürzt, und alle Bestandteile, die einfach anpassbar waren (Federung / Dämpfer), wurden steif eingestellt. Ein Überhängen ist dem S60 deshalb praktisch fremd. Das Fahrgestell ist aber nicht so hart, dass es unkomfortabel wird.

Die Lenkung ist direkter als in diesem Segment üblich. Deswegen fühlt sich der S60 weniger groß an als er ist. Damit verschiedene Vorstellungen erfüllt werden können, kann über den Bordcomputer das Maß der Servolenkung eingestellt werden.

Dieser Effekt ist beim S60 D3 am größten, weil dieser mit einer elektro-hydraulischen Servolenkung ausgestattet ist. Die Benzinmotoren (von Ford) benutzen nur eine hydraulische Servolenkung, die weniger einfach einzustellen ist.

Volvo S60

Schließlich hat Volvo eine besondere Wahl getroffen: Das Antiblockiersystem greift nicht zu spät ein, was sonst oft gemacht wird, um dem Fahrer das Gefühl zu geben, zu allem selbst im Stande zu sein. Statt dessen greift es extrem früh ein. Damit scheint das Auto ganz einfach nicht zu schleudern oder zu rutschen. Es gibt ein unbesiegbares Gefühl, und damit ist die Verführung komplett.

Fazit

Volvo hat die Spannung sorgfältig aufgebaut. Nach über einem Jahr des Verlangens ist der neue S60 endlich getestet. Die versprochenen neuen Sicherheitsvorkehrungen haben sich während der Tests bewiesen. Wie versprochen ist auch die Bauqualität besser als vorher.

Wenn es um die Sportlichkeit geht, dann war die Testfahrt weniger überzeugend. Nach Volvo-Maßen ist das Fahrverhalten ausgesprochen sportlich und lebendig. Doch im Vergleich mit der Konkurrenz ist die Straßenlage des S60 nicht mehr als "auch gut".

Gerade weil sich der S60 jetzt besser mit der Konkurrenz messen kann, ist der Unterschied zur überwiegend deutschen Konkurrenz kleiner als je zuvor geworden. Zugleich ist der eindeutige schwedische Charakter (Design und Sicherheit) geblieben, und gerade das macht den S60 zu einem äußerst verführerischen Angebot.

plus
  • Komfortabel und sportlich
  • Skandinavische Formgebung
  • Innovative, sinnvolle Sicherheitssysteme
min
  • Wenig Aufmerksamkeit aufs Spritsparen
  • Premium-Audiosystem weniger gut als im vorherigen Modell