21 August 2006
Fiat Grande Punto

Fiat Grande Punto

Größenwahn?

Autotest | Fiat war in einer ziemlichen Krise. Neue Modelle wurden schlecht angenommen und der finanzielle Abgrund rückte näher und näher. Der Grande Punto sorgte für die Kehrtwende. Die neue Ausgabe des Punto übertrifft alle Erwartungen und beschert Fiat eine Steigerung seiner Zulassungszahlen um fast ein Drittel. Worin liegt also das Erfolgsgeheimnis? Hat der Fiat Grande Punto mehr zu bieten als ein neues Outfit?
 

Auf mehr als vielfachen Wunsch hier nun endlich der Fiat Grande Punto im Test. Schon seit Fiat Italien die ersten Fotos dieses hübschen Steilhecks veröffentlichte, regnete es bei uns Testanfragen. Damals konnten wir ihnen leider nicht nachkommen, aber als Entschädigung kommt jetzt ein Test der neuesten und spannendsten Ausführung. In unserem Testauto befindet sich das "Blue & Me"-System und der brandneue "Starjet"-Motor.

Das Outfit

Als erstes sticht die Formgebung des Grande Punto ins Auge. Von Anfang an wurde Fiat von allen Seiten für das neue Design gelobt, das bei allen Modellvarianten gleichermaßen geschmackvoll ausfällt. Es war klar, dass dieser Entwurf einen großen Schritt bedeutete und das Potential für die so dringende Rettung der Marke Fiat hatte. Der Grande Punto ist aber kein Facelift des inzwischen als "Punto Classic" bekannten Vorgängers, sondern ein komplett neu entwickeltes Modell.

Fiat Grande Punto

Im Innenraum setzt sich der neue Stil fort. Das Instrumentenbrett vermittelt einen Hauch Extravaganz, ohne deshalb weniger ergonomisch oder besonders teuer zu sein. Das Design basiert auf fließenden Linien, die von strikten Flächen unterbrochen werden, auf denen sich die entsprechenden Anzeigen und Knöpfe befinden. Obwohl alles schwarz und grau gehalten ist, wechselt Fiat die Oberflächen und Materialen geschickt ab, sodass eine lebendige und abwechslungsreiche Wirkung erzielt wird. Die Verarbeitung des Autos ist von oben bis unten tadellos. Wie zuverlässig der Punto Grande im Ganzen ist, wird sich erst mit der Zeit zeigen.

Unser Testwagen in "Sport"-Ausführung hat schicke und bequeme Sportsitze an Bord. Und ... der Grande Punto ist im Innenraum wirklich so groß, wie sein Name verspricht! Mit dem Fahrersitz in der hintersten Einstellung kommen auch große Fahrer nicht mehr ans (in Winkel und Abstand verstellbare) Lenkrad und an die Pedale. Kopf- und Beinfreiheit vorne sind also durchaus "grande". Auf der Rückbank ist auch ausreichend Platz, nur die Kopffreiheit ist hier durch die abfallende Dachlinie etwas eingeschränkt.

Fiat Grande Punto

Trotz des großen Platzangebots im Passagierraum bietet der Grande Punto auch einiges an Gepäckraum. Das ist vor allem durch sein Wachstum in die Länge möglich geworden. Der Grande Punto misst über vier Meter, also einige Dutzend Zentimeter mehr als der Segmentsdurchschnitt.

Blue und Was?

Außer der Formgebung ist vor allem der Preis beeindruckend, denn für das, was der Grande Punto an Standardausrüstung bietet, ist er ausgesprochen günstig. Schon die Basisversion ist umfangreich ausgestattet, sowohl was Komfort als auch was Sicherheit angeht. So findet sich auch einiges, was man in dieser Klasse sonst vergeblich sucht.

Unser Testwagen steht sogar dem Durchschnitt der Mittelklasse in nichts nach: links/rechts separat regelbare Klimaanlage, beheizte Außenspiegel, umfangreiche Bordcomputerfunktionen mit persönlichen Einstellungen, Radio/CD-Player mit Subwoofer, Tempomat, Handy-Carkit und MP3-Player-Anschluss.

Fiat Grande Punto

Die letzten Beiden sind Teil des optionalen "Blue & Me"-Systems, das von Fiat und Microsoft entwickelt wurde. "Blue & Me" integriert den MP3-Player und das Handy mit in die Fahrzeugelektronik. Beide sind dann sowohl mit der Sprachsteuerung als auch mit Knöpfen am Lenkrad zu bedienen, was praktisch ist, auch wenn sich Computerexperten vielleicht mit einem Microsoft-Logo auf dem Lenkrad nicht ganz wohl fühlen.

Über den USB-Anschluss im Handschuhfach kann ein MP3-Player oder USB-Stick angeschlossen werden. Die Namen der Titel erscheinen dann prompt auf dem Display zwischen Tacho und Drehzahlmesser. Das Handy wird über Bluetooth angeschlossen und versteht dann nicht nur Sprachkommandos, sondern man kann sich von "Blue & Me" auch SMS vorlesen lassen. "Blue & Me" ist nicht teuer, bietet einiges an Funktionalität und für die Zukunft sind noch mehr Erweiterungen versprochen, sodass die Extrainvestition lohnenswert erscheint.

Starjet

Die Fahreigenschaften halten, was das Aussehen verspricht. In einem gewissen Maß zumindest. Unser Testwagen hat den neu eingeführten "Starjet"-Motor, der erstmalig Kanalabschaltung, variable Ventilsteuerung und Abgasrückführung in einem Motor integriert. Das klingt beeindruckend, stellt sich im Praxistest aber als wenig spektakulär heraus.

Der Motor ist leise und vor allem geschmeidig, sodass bei allen Drehzahlen ausreichend Kraft zur Verfügung steht. Deshalb verträgt der 16V-1.4er ein Sechsganggetriebe, mit dem auf der Autobahn sehr niedertourig und damit kraftstoffsparend gefahren werden kann. Noch bei 80 km/h kann im sechsten Gang gefahren werden, ohne dass sich die Mechanik zu Wort meldet. Die Beschleunigung liegt dann allerdings nahe Null. Verlangt man dem Motor echte Leistung ab, muss er auf höheren Drehzahlen gehalten werden, sodass auch der Verbrauch entsprechend steigt. Auch dann bleibt die Leistung noch mäßig, obwohl sich der Motor prima hochjagen lässt und dadurch einen anderen Eindruck vermittelt.

Spielen

Für eine ruhige Fahrweise ist der Grande Punto ein gutes, aber kein außergewöhnliches Auto. Gegenüber der Konkurrenz hat er dann im Wesentlichen nur die "City"-Servolenkung zu bieten, die auf Knopfdruck die Lenkung extrem erleichtert, sodass das Auto im wahrsten Sinne des Wortes mit dem kleinen Finger eingeparkt werden kann. Das verleitet allerdings zu starken Lenkbewegungen im Stand, was den Reifen nicht gut tut.

Mit einem sportlicheren Fahrstil kommt Leben in den Grande Punto. Dann wechselt der große kleine Italiener seinen Charakter wie sonst nur Wenige und bietet eine Menge Fahrspaß. In der "Sport"-Variante reagiert der Grande Punto sofort auf jede Bewegung des gut in der Hand liegenden Sportlenkrads und lässt sich exakt in die Kurven setzen. Die gelungene Kombination aus Komfort und Fahrspaß ist nie anstrengend, zeigt einem aber auch, wo die Grenzen liegen. Der Grande Punto ist spielerisch veranlagt. Dank der verschiedenen Sicherheitselektroniken kann der Versuchung zum Spielen auch gefahrlos nachgegeben werden.

Fiat Grande Punto

Fazit

Fiat leidet nicht an Größenwahn. Der Erfolg des Grande Punto basiert auf mehr als nur seinem schönen Aussehen. Echte Nachteile sind nur die mäßige Leistung von Motor und Bremsen. Die Liste der Vorteile ist deutlich länger. Die Lenkung des Grande Punto ist prima, die Ausstattung umfangreich und mit moderner Technik. Auch bietet er mehr Fahrspaß als seine Konkurrenz und ist preislich sehr günstig. Alles in allem ist der "grande" Erfolg des Grande Punto gerechtfertigt.

plus
  • Gelungene Formgebung
  • Günstiger Preis
  • Hervorragende Fahreigenschaften
min
  • Mäßige Leistung
  • Schlechter Wiederverkaufswert
  • Bordcomputer liefert unzuverlässige Werte