20 April 2013
Fiat 500L

Fiat 500L

Großer Bruder

Autotest | Ein großer Bruder hat seine Vor- und Nachteile. Der Nachteil eines großen Bruders ist, dass er stärker und schlauer ist. Man kann halt nicht gegen ihn gewinnen. Der Vorteil eines großen Bruders ist, dass er stärker und schlauer ist, man kann viel von ihm lernen. Jetzt bekommt der Fiat 500 einen großen Bruder. Ist das ein Fluch oder ein Segen?
 

Zur Einführung des neuen Fiat 500 vor fünf Jahren gab es schon Gerüchte über eine größere Version. Denn zur der Zeit als der Fiat 500 in den 60-er Jahren Furore machte, gab es ja bereits eine extra geräumige "Giardiniera".

Dass der neue, größere Fiat jetzt "500L" heißt, hat mit Marketing zu tun. Der neue Fiat 500 ist bekannt für seine guten Fahreigenschaften, sparsame Motoren und einen guten Preis. Es ist daher logisch, dass man an diese Reputation anknüpfen möchte, indem das neue Familienauto "500L" genannt wird.

Fiat 500L

Obwohl der 500L von Grund auf neu entwickelt wurde und praktisch keine Teile des normalen 500 benutzt wurden, ist der Stil der gleiche. Der 500L hat die gleiche fröhliche Ausstrahlung mit runden, sanften Formen. Das Auto ist aber in alle Richtungen gewachsen. Durch das Design fällt kaum auf, wie groß der 500L wirklich ist. Zum Vergleich: der Ford B-Max, der Citroën C3 Picasso und der Hyundai ix20 sind alle kleiner!

Doch der Wachstumsschub geht zu Lasten des harmonischen Erscheinungsbildes. Von der Seite betrachtet sind die Proportionen komplett verloren gegangen. Auch auf den Charme, der vom 500 ausging, muss der 500L leider verzichten. Dass es sich um einen 500 handelt, erkennt man nur noch an der Vorderseite.

Fiat 500L

Vielzweckfahrzeug

Sicherlich hätte Fiat einen 500 mit fünf Türen bauen können, aber der 500L ist wirklich als Raumwunder gedacht. Und genau in diesem Punkt überzeugt das Auto bereits bei der ersten Bekanntmachung! Es gibt vorne viel Platz - so viel, dass man selbst dann noch an die Pedale kommt, wenn man den Sitz ganz nach hinten stellt. Sogar mit dem ganz nach hinten verstellten Vordersitz ist der Beinraum hinten immer noch ausreichend. Der 500L ist auch nicht nur für Familien mit kleinen Kindern vorgesehen; auch große Erwachsene haben ausreichend Platz.

Die Formgebung lässt etwas anderes vermuten, aber der 500L bietet so viel Platz wie ein richtiges MPV (Multi Purpose Vehicle). Die Sitzposition ist aber nicht die eines MPV. Der Fahrer bekommt den Eindruck, in einem etwas höheren normalen Auto zu fahren.

Fiat 500L

Der 500L hat dazu all die vielen praktischen Extras, die man von einem MPV gewöhnt ist. Vorne gibt es viele kleine Ablageflächen und Fächer. Leider sind die beiden Handschuhfächer viel zu klein. Beim Rücksitz findet man kleine Flugzeugtische. Darüber hinaus fällt beim Testwagen das feine Material auf, welches den Eindruck einer "Lounge" vermittelt.

Der Kofferraum ist dank seiner niedrigen Hebeschwelle und einer weit öffnenden Heckklappe (auch Erwachsene können darunter stehen, ohne sich den Kopf anzustoßen) gut zugänglich. Praktisch und bequem zu nutzen sind übrigens auch die große Heckklappe sowie der in zwei Höhen arretierbare Ladeboden. Somit können zum Beispiel nasse und trockene Sachen getrennt werden.

Fiat 500L

Ausrüstung

Nur im Ausrüstungsniveau ist der normale Fiat 500 zu erkennen. So wurde der 500L mit der extrem leichten "City"-Servolenkung ausgestattet, damit Einparken wirklich einfach wird. Passen Sie aber dabei auf, nicht zuviel zu lenken, wenn das Auto steht: Das kann zu übermäßigem Verschleiß der Reifen führen.

Fiat 500L

"TomTom & Me" ist ein cleveres Navigationssystem, das auch als erweiterter Bordcomputer eingesetzt werden kann. Außerdem kann die Eco:Drive-Funktion dabei helfen, den Fahrstil zu verbessern. Die Daten jeder Fahrt können auf dem Computer zu Hause analysiert und sogar mit denen anderer 500L-Fahrer verglichen werden. Für den 500L ist das TomTom&Me als halb- und als vollständig integriertes System verfügbar.

Der Testwagen wurde mit einem Audiosystem von "Dr. Dre" ausgerüstet. Der Klang ist klarer und voller als der von günstigeren Audiosystemen. Es wirkt nicht gezwungen oder nervig. Der Aufpreis aber ist so hoch, dass es im Handel für diesen Preis bestimmt bessere Systeme zu kaufen gibt.

Fiat 500L

Diesel

Der 500L ist mit den gleichen Motoren lieferbar wie der Fiat 500. Für unseren Test haben wir uns aber für den neuen 1.6 MultiJet Dieselmotor entschieden. Im Gegensatz zu dem eigenwilligen Zweizylinder-Benziner hat der große Vierzylinder-Diesel einen viel ruhigeren Lauf. Außerdem wird die Kraft gleichmäßiger aufgebaut, was ein besseres Fahrverhalten ergibt. Nur bei sehr niedriger Geschwindigkeit ist das charakteristische Geräusch eines Dieselmotors hörbar. Bei höherer Drehzahl verschwindet das Motorgeräusch in den Hintergrund.

Vor allem auf der Autobahn überzeugt der Diesel dank des großen Drehmoments (320 Nm). Zwischenbeschleunigungen gehen daher fast mühelos. Der sechste Gang ist ein extremer "overdrive". Die Zugkraft in diesem Gang ist dadurch sehr gering. Die Drehzahl ist dabei jedoch sehr niedrig, womit der "1.6 MultiJet" in aller Ruhe und mit einem niedrigen Verbrauch lange Strecken zurücklegt. Zur Illustration: 120 km/h bedeuten etwas mehr als 2.000 Umdrehungen pro Minute.

Fiat 500L

Fahreigenschaften

Der Fiat 500 wird vor allem wegen seiner Fahreigenschaften gewählt. Wie bereits vorher angesprochen, teilen der 500 und der 500L nicht das gleiche Grundgerüst. Der 500L ist daher nicht so wendig und dynamisch wie der Fiat 500. Auch hängt der 500L in den Kurven etwas mehr über.

Der 500L hat aber eine genau so gute Straßenlage! Das Gefühl im Lenkrad ist prima. Dabei nimmt der 500L auch schnelle Kurven spursicher.

Fiat 500L

Fazit

Der Fiat 500 hat einen größeren Bruder in der Form des 500L bekommen. Das sind sowohl gute als auch schlechte Nachrichten. Die schlechte Nachricht ist, dass der 500L nicht den Charme des 500 hat. Die gute Nachricht ist, dass der 500L im Vergleich zur Konkurrenz viel weniger wie ein Familien-Van aussieht und mehr einem normalen Personenwagen gleicht. Der Innenraum bietet viel Platz (auch hinten) und ist mit vielen cleveren Erfindungen ausgestattet, die den Alltag mit dem 500L angenehmer machen.

Die Fahreigenschaften sind nicht ganz so gut wie die des kleineren Bruders, aber der Unterschied ist sehr gering. Der von uns gefahrene 500L mit 1.6 MultiJet Dieselmotor überzeugt durch seine Ruhe, gute Leistungen und bescheidenen Verbrauch.

Der spielerische Charakter des ursprünglichen Fiat 500 hat beim 500L einem reiferen Umgang Platz gemacht, so wie es sich für einen großen Bruder gehört.

plus
  • Prima Fahreigenschaften
  • Geräumig und praktisch
  • Sparsamer, kräftiger Dieselmotor
min
  • Wenig Gefühl beim Schalten
  • Umständliche Skala des Tachos